Icann führt neue TopLevel Domains (Internet-Adress-Endungen) ein
Die Internetverwaltung Icann hat beschlossen neue TopLevel Domains (Internet-Adress-Endungen) zuzulassen. Statt .de oder .com kann zukünftig ein beliebiger Begriff, z.B. Firmen-, Marken-, Städte- oder Organisationsname am Ende stehen.
Auch generische Namen wie z.B. .Reise sind möglich.
Was bedeutet das für den Internet-Nutzer? Wer kann eine solche Domain beantragen und wie funktioniert das?
Ein Interview von Hitradio Ohr - Offenburg mit Stephan Widera, Vorsitzender des deutschen Internet Verbandes.
Herr Widera, ist die Ankündigung der Zulassung neuer Domains eine wichtige Nachricht?
Ja, es ist eine wesentliche Neuerung, welche die Zukunft des Internet nachhaltig beeinflussen kann. Icann (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers) selbst nannte den Beschluß bei der Vorstellung in Singapur eine "historische Veränderung des Internet".
Mit der Neuregelung gibt es eine theoretisch unendliche Zahl möglicher Top-Level-Domains anstelle der bislang stark limitierten Endungen (überwiegend Länder-Domains sowie einige wenige spezial-Endungen).
Wieso soll diese Änderung eingeführt werden?
Immer wenn es eng wurde wurden neue Top-Level-Domains eingeführt. Manche Einführungen waren aber keine großen Erfolge wie z.B. .pro oder .aero Eine größere Einführung neuer Domains war schon lange geplant weil die Möglichkeiten einprägsamer Namen für die eigene Internet-Adresse zunehmend knapper geworden sind.
Bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt war die Zahl der Top-Level-Domains (TLD) auf die bekannten Endungen für Länder oder Organisationen limitiert. Durch die neue Regelung wird eine nahezu unbegrenzte Anzahl an individuellen Domainnamen möglich sein, da z. B. Namen von Firmen, Personen, Städten und Organisationen verwendet werden können. Die Änderung soll ihnen die Chance geben, sich eindeutiger im Internet zu positionieren und schneller auffindbar zu sein.
Welchen Vorteil sollen die neuen Endungen haben?
Durch die bisherige Verfahrensweise bei der Namensvergabe für Domains war man, was die Individualität betraf, eingeschränkter. Durch die Neuregelung gibt es eine theoretisch unendliche Vielfalt, so daß man nicht mehr auf vorgegebene Domain-Endungen angewiesen ist.
Durch die neuen TLD sollen beispielsweise namhafte Orte, Unternehmen, Produktgruppen oder gängige Begriffswelten leichter im Web zu finden sein, da sie mit großer Wahrscheinlichkeit unter der jeweils logisch zuordenbaren Domainnamensendung gesucht werden. Auf diese Weise können Personen, Organisationen und Unternehmen ihre Präsenz im Internet eindeutiger Städten, Regionen oder Interessengruppen zuordnen. Webseitenbetreibern ist es darüber hinaus möglich die Struktur ihrer Seite besser zu gliedern.
Praktisch wird dies allerdings durch die sehr hohen Kosten eingeschränkt.
Für Unternehmen mit bekannten Marken können die neuen Domains Marketing-Vorteile haben.
Auch Betrug, speziell Phishing kann erschwert werden wenn Betrüger schelchter eine generische Marken-Domain vortäuschen können.
Ab wann sollen die neuen Domains gelten?
Die Bewerbung läuft ab 2012. Laut ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers) sollen die neuen Domains nach einer Freigabephase voraussichtlich zum Anfang des Jahres 2013 verfügbar sein.
Wird das Internet dann nicht unübersichtlich?
In einer Übergangszeit wird es sicher noch etwas unübersichtlicher sein weil man die neuen Endungen nicht kennt. Mittelfristig wird es voraussichtlich aber eher übersichtlicher werden.
Die Einführung der neuen Individualisierungsmöglichkeiten für TLD wird für eine klarere Strukturierung und Auffindbarkeit von Themenbereichen und Begriffen und der zugehörigen Websites führen. Beispielsweise können so Unternehmen, Vereine und Organisationen aus Hamburg unter der Domainnamensendung ".hamburg" schneller gefunden werden. Eine URL wie "hafen.hamburg" wäre dadurch für den User auch ohne Suchmaschine schneller erreichbar, da er sie selbst logisch herleiten könnte.
Wie es sich genau auf die Übersichtlichkeit auswirken wird, lässt sich im Moment schlecht abschätzen. Genauso wenig, wie viele Unternehmen oder Organisationen überhaupt auf dieses Angebot eingehen werden.
ICann, das ist die Stelle welche die neuen Domains vergibt, rechnet weltweit mit 300 bis 1000 Domains.
Verwirren deutsche Endungen z.B. spanische Internetnutzer und umgekehrt?
Wahrscheinlich kaum, da es sich überwiegend um Namen von Firmen oder Organisationen handelt. Bei beschreibenden Namen könnte es allerdings vorkommen.
Aufgrund der Tatsache, dass viele deutsche Wörter und Begriffe auf "es" enden, bzw. spanische auf "de", könnte es am Anfang der Einführungsphase der neuen TLD zu Verwechslungen mit bereits bestehenden Domainnamen dieser beiden kommen. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die User im Laufe der Zeit die Logik der neuen Namensvergabe verstehen und Irrtümer vermieden werden.
Wird es dadurch Änderungen für Suchmaschinen geben?
Ja, ganz bestimmt. Bislang suchen Suchmaschinen bevorzugt regional, z.B. Google .de bevorzugt .de Domains gegenüber ausländischen wie z.B. .it Laut ICANN kann es durch die Einführung der neuen Top-Level-Domainnamen zu einer Änderung der Listingmethodik von Suchmaschinen kommen, da die neue Endung jeweils in die Suche mit einbezogen werden muss. Vor allem für Suchmaschinenoptimierer würde das zusätzliche Arbeit bedeuten, wenn sie ihre Listingmethoden neu aufbauen müssten. Gängigen Internetsuchmaschinen arbeiten mit ihrer jeweils eigenen Methodik. Die Auswirkungen der TLD-Erweiterung können daher auch von Experten noch nicht genau vorhergesagt werden.
Für wen sind die neuen Domains gedacht?
Nur für Firmen und Institutionen, Privatleute können sich nicht bewerben.
Nur größere Organisationen und Interessengemeinschaften sowie Städte, Regionen oder Unternehmen, können sich bei der ICANN um die Vergabe eines individuellen Domainnamens bewerben. Der Antragsteller muss begründete Ansprüche auf die Erteilung einer individuellen TLD haben. ICANN verlangt eine Bewerbungsgebühr in Höhe von rund 185.000 US-Dollar.
Wie funktioniert eine Anmeldung?
Bewerbungen zur Erteilung eines neuen, individuellen Domainnamens müssen vom Antragsteller innerhalb einer festgelegten Bewerbungsphase an die ICANN gerichtet werden. Unabhängige Prüfer entscheiden im Anschluß, ob dem Antrag stattgegeben wird. Diese Evaluierungsphase soll bis November 2012 abgeschlossen seinDas genaue Verfahren kann man auf der icann-Homepage unter icann.org einsehen, dort gibt es ein hunderte-Seiten starkes Hilfsdokument zur Bewerbung Das gtld (generic top level Domain) Applicant Guidebook. In Kürze, also sobald alle Details feststehen, werden auch die deutschen Domain-Registrare Formulare zur Bewerbung anbieten.
Die Bewerbungskosten bei Icann liegen bei rund 130.000 Euro Wie teuer es aber tatsächlich wird, kann man derzeit noch nicht genau sagen, da evtl. weitere Dienstleister mitverdienen werden.
Ab wann kann man sich dafür anmelden?
Unternehmen und Organisationen, die als Registrare für diese Domains aktiv werden wollen, können sich zunächst im Zeitraum vom 12. Januar bis zum 12. April 2012 be ICANN bewerben.
Laut Internet-Behörde ICANN dauert die zweimonatige Bewerbungsphase zur Vergabe der neuen Domainnamen vom 12. Januar 2012 bis zum 12 April 2012. Unabhängige Experten prüfen danach die Anträge und entscheiden über die Realisierung der Domainnamen. so dass mit der Verfügbarkeit der neuen Top-Level-Domains zum Jahresanfang 2013 zu rechnen ist.
Danach wird es vermutlich erst wieder in 2 - 3 Jahren ein neues Bewerbungsverfahren geben.
Werden alte .de, .org, .com Seiten, die jetzt andere Endungen haben weiterhin funktionieren?
Ja, selbstverständlich werden die bisher bekannten und gängigen Domainnamen auch weiterhin nutzbar sein. Es gibt keinen Grund, dies zu ändern. Den Internetusern haben sich die bisher verwendeten URL-Namen mit ihren jeweiligen Nomenklaturen eingeprägt. Es wäre nicht nur verwirrend, alte Domainnamen abzuschaffen, sondern auch mit einem großen Maß an Arbeit verbunden und darum für User und Webseitenbetreiber unzumutbar.
Wer bekommt eine mehrfach angefragte Endung? Der Erste? Der Meistbietende?
Das lange und komplizierte Bewerbungsverfahren soll sicherstellen, daß zunächst die Inhaber von Marken- oder Namensrechten zum Zuge kommen und es keine Einsprüche gibt.
Bei eindeutigen Eigennamen von Konzernen, Städten und Organisationen wird es voraussichtlich keine Streitigkeiten um die Erteilung geben. Wirtschaftliche, ideologische und nicht zuletzt markenrechtliche Kriterien werden hier Klarheit schaffen. Bei allgemeingültigen Begriffen wird der Vergabemodus schwieriger ausfallen. Während hier bei manchen Bewerbern das Recht des Ersten angewendet werden kann, wird in vielen Fällen die Argumentation bei der Begründung des Antrags den Ausschlag geben. Es ist nicht auszuschließen, dass es in einzelnen Fällen zu rechtlichen Streitigkeiten kommt.
Eine Versteigerung mit Bieterverfahren ist derzeit nicht vorgesehen. Vermutlich wird es auf den ersten Bewerber hinauslaufen, der das Verfahren komplett abgeschlossen hat.
Das Interview wurde telefonisch geführt von Jule Bunze, Hitradio Ohr - Offenburg